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Vom Umgang mit den "anderen"

von Stefanie Wiegand

Mit der Veränderung der Ernährungsweise in Richtung Rohkost verändert sich noch viel mehr als nur die Ernährung. Essen ist in unserer Gesellschaft ein extrem wichtiger Faktor. Weicht man von den Essgewohnheiten der Gesellschaft ab, taucht auf einmal eine Art Graben auf zwischen einem selbst und den "anderen", die die alten Gewohnheiten beibehalten. Gerade am Anfang spürt man dies recht deutlich. Mit der Zeit schwächt dieses Gefühl ab. Bei vielen bleibt es aber, in unterschiedlicher Intensität, immer da.

Manche Rohkost-Anwärter scheitern an dem sozialen Druck. Viele halten ihm stand, fühlen sich aber trotzdem etwas isoliert. Das muss nicht sein. Es liegt in erster Linie an uns selber, an unserem Verhalten, unseren Erwartungen und unserer Grundeinstellung, wie die anderen auf uns reagieren und wie wir uns in dieser Gesellschaft fühlen.

Rohköstler sind weit davon entfernt, Einsiedler zu sein. Bleibt so gesellig wie vorher auch. Am aller schönsten ist es natürlich, wenn man Menschen findet, die die gleiche Lebenseinstellung haben, wie man selber. Aber derer gibt es noch nicht so viele in unserem Lande und sie wohnen nicht immer um die Ecke. Wenn man sich nicht von allen abschirmen will, die mit Rohkost nichts am Hut haben, muss man Wege finden, sich mit den Menschen in seiner Umgebung zu arrangieren. Hier bekommt Ihr dafür ein paar Tipps, die wir auf Grundlage unserer und der Erfahrung anderer zusammen getragen haben.



Grundlagentipps für den Umgang mit anderen

Den anderen respektieren

Missionierungsdrang im Zaum halten

Informieren statt diskutieren

Rechtfertigungen vermeiden

Von einer entspannten Atmosphäre ausgehen

3 Typen von Menschen

Der Ablehnende

Der Tolerante

Der wirklich Interessierte

Gesprächstaktiken

Kurz die Ernährungsweise erklären

Freundlich ein Gespräch ablehnen

Über sich selber lachen

Thema wechseln

Deutlich werden

Wenn ein lieber Mensch "unheilbar krank" ist

Essen in Gesellschaft

Einladungen und Feste

Gäste einladen

Essen im Restaurant

Versorgung während der Arbeit





Grundlagentipps für den Umgang mit anderen

Den anderen respektieren

Als angehender Rohköstler beginnt man, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Neben all den Fehlinformationen über Ernährung bemerkt man noch viele weitere Dinge, die schief zu laufen scheinen. Es ist, als würden einem kiloweise Schuppen von den Augen fallen.
Mit diesen entschuppten Augen schaut man sich um und sieht, dass die Umwelt so weitermacht wie bisher. Man kann es kaum fassen. Eine typische Reaktion auf diese Situation ist, am Verstand seiner Mitmenschen zu zweifeln und sich (wenn auch nur ein wenig) überlegen zu fühlen. Auch wenn wir das nicht zu erkennen geben, wird unser Gegenüber dieses, wenn auch nur ganz leichte, Gefühl der Überlegenheit und den daraus resultierenden Mangel an Respekt spüren. Die unvermeidbare Reaktion darauf wird meist ein wiederum uns entgegengebrachter Mangel an menschlichem Respekt und eine Ablehnung unserer neuen Lebensweise, die unsere innere Veränderung bewirkt hat, sein. Es entstehen unterschwellige oder auch mal offen ausgetragene Spannungen, die unser Verhältnis zu den Mitmenschen belasten.

Bewahren wir uns daher den Respekt für den anderen. Er ist kein schlechter Mensch, weil er nicht auf einmal lebt wie wir. Er ist nur anders. Gestehen wir ihm dieses Anders-Sein zu. Dann wird es ihm auch leichter fallen, uns unsere Veränderungen zuzugestehen. Klar, dies ist angesichts der Dinge, die auf dieser Welt so passieren, nicht immer leicht. Aber erinnern wir uns doch mal daran, dass wir auch nicht immer so gedacht und gelebt haben wir jetzt. Hätten wir unbedingt zu früheren Zeiten verstanden, was es mit der Rohkost auf sich hat, auch wenn es uns jemand erzählt hätte? Meist nicht, sonst hätten wir uns ja schon eher umgestellt. Behandeln wir den anderen auf die Weise, auf die wir selbst behandelt werden möchten: Akzeptieren wir ihn so, wie er ist.

Missionierungsdrang im Zaum halten

Wann immer jemand etwas Neues (nicht nur Rohkost) entdeckt, das ihm so richtig gut tut, tritt ein mehr oder weniger stark ausgeprägter Missionierungsdrang auf. Man möchte am liebsten der ganzen Welt von seinen Entdeckungen berichten und alle davon profitieren lassen. Das ist vollkommen natürlich, man meint es ja nur gut - und kann es daher gar nicht begreifen, warum die anderen nichts davon hören wollen.

Versetzen wir uns auch hier wieder in die Lage unseres Gegenübers. Wie empfinden wir es, wenn uns jemand ungebeten seine Lebensweise näher zu bringen versucht? Wie reagieren wir, wenn uns jemand klar zu machen versucht, dass Jesus Christus für ihn die Rettung war und auch unsere Seele erretten kann. In der Regel halten wir den Seelenretter für ein klein wenig spinnert und verbohrt und haben das Gefühl, er wolle uns etwas aufdrücken, was wir im Moment absolut nicht haben wollen. In solchen Fällen geht man meistens automatisch auf Abwehr. Wenn jemand die Effekte einer Ernährungsumstellung nicht am eigenen Leib kennen gelernt hat, wird er auf einen missionierenden Rohköstler genauso reagieren wir auf einen missionierenden Kirchenanhänger.

Halten wir uns also zurück, sofern keine ganz eindeutigen Anzeichen zu erkennen sind, dass unsere Rohkosttipps wirklich willkommen sind. Sonst ernten wir vermutlich nichts weiter als Abwehr oder gar Ablehnung unserer ganzen Person und Lebensweise.

Informieren statt diskutieren

Auch wenn der angestrebte Idealfall anders aussieht: Diskussionen haben im Kern meistens das Ziel, den/die Diskussionspartner von seiner eigenen Meinung zu überzeugen oder zumindest zu zeigen, dass man selber ja Recht hat. Der Diskussionspartner wird so zum Diskussionsgegner. Sich Gegner zu schaffen ist nie besonders sinnvoll.

Gehen wir deshalb vom Diskutieren zum Informieren über, sofern Informationen erwünscht sind. Widerstehen wir dem Versuch, unseren Gesprächspartner überzeugen zu wollen. Wenn man merkt, dass der andere eine typische Diskussion anfängt, geht man einfach nicht darauf ein. (Anregungen hierfür sind unter Gesprächstaktiken beschrieben.) Erkennen wir jedoch, dass jemand wirklich an der Sache interessiert ist, geben wir ihm die Informationen, die er haben möchte.

Rechtfertigungen vermeiden

Als Rohköstler ist man in der Öffentlichkeit ab und zu verbalen Angriffen ausgesetzt. Für manche Leute stellt man allein durch seine pure Existenz eine Provokation dar. Es wird häufig versucht, den Rohköstler in die Enge zu treiben. Geht dieser darauf ein und beginnt, sich zu erklären und zu rechtfertigen, wird er in der Regel den kürzeren ziehen. Dem Treibenden werden kaum die Argumente ausgehen. Er wird auch selten von sich aus aufgeben, bis er den Rohköstler erfolgreich in die Enge bugsiert hat.

Sobald wir in einer solchen Situation anfangen, uns und unsere Lebensweise zu rechtfertigen, haben wir verloren. Am besten lassen wir uns auf dieses Spiel gar nicht erst ein und vermeiden jegliche Art von Rechtfertigung. Stehen wir einfach zu dem was wir tun, stehen wir dazu, dass wir auf manche Fragen keine Antworten wissen, außer der, dass es uns jetzt viel besser geht als früher. Und wenn unser Gegenüber allzu hartnäckig ist, wenden wir eine der unten angeführten Gesprächstaktiken an, um die Situation zu beenden.

Von einer entspannten Atmosphäre ausgehen

Gerade wenn man bereits häufiger negative Erfahrungen gemacht hat, beginnt man irgendwann, Angriffe und unangenehme Situationen in der Öffentlichkeit zu erwarten. Man stellt sich auf blöde Kommentare, bohrende, nervige Fragen und verletzende Bemerkungen ein. Im Geiste geht man Reaktionen auf mögliche Konfrontationen durch, legt sich schlaue Antworten auf die typischen Standardfragen zurecht.

Damit zieht man die unerwünschte Situation geradezu an. Die "Sich selbst erfüllende Prophezeiung" (Self fulfilling prophecy) wirkt auch hier. Haben wir Lust auf eine Konfrontation (was durchaus mal vorkommt und keine Schande ist), ist das völlig in Ordnung. Wir werden unser Ziel erreichen. Möchten wir lieber einen netten, harmonischen Abend verbringen, können wir auch haben, was wir wollen. Achten wir im Vorfeld ein wenig auf unsere Gedanken. Beginnen wir dann gewohnheitsgemäß, uns auf die Abwehr des Negativen einzustellen, halten wir unsere Gedanken an. Stellen wir uns einen Ablauf des Abends in Entspannung und Freude vor. Gehen wir einfach davon aus, dass die Menschen positiv auf uns reagieren werden. Der Verlauf der Begegnung wird ein ganz anderer sein.

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3 Typen von Menschen

Die herkömmlich essende Bevölkerung lässt sich ganz grob in 3 verschiedene Typen einteilen. Diese Typen reagieren auf das Auftauchen eines Rohköstlers meistens ungefähr nach bestimmten Schemata. Die unterschiedlichen Reaktionen kommen durch einen jeweils anderen Umgang mit einer bisher unbekannten Erkenntnis zustande, deren Akzeptieren tief greifende Veränderungen der Lebensweise nach sich ziehen würden. Abgesehen von etlichen Zwischenvarianten lassen sich hauptsächlich 3 grundsätzliche Reaktionsweisen erkennen.

Es gibt die Möglichkeit, die Erkenntnis zu akzeptieren und die daraus resultierenden Konsequenzen in die Tat umzusetzen. Eine weitere mögliche Reaktion wäre, die Erkenntnis zu akzeptieren, sich jedoch nicht in der Lage zu sehen, die entsprechenden Konsequenzen einzuleiten. In diesem Fall lebt man mit einer bewussten Diskrepanz zwischen der als wahr empfundenen Erkenntnis und dem wirklichen Leben. Viele können der Spannung einer solchen Diskrepanz jedoch nicht standhalten,was zur dritten Reaktionsmöglichkeit führt. Sie wählen unbewusst die Möglichkeit, die Existenz der Erkenntnis an sich abzulehnen. Das macht sie nicht zu schlechten Menschen. Im Gegenteil, aus ihrer Sicht und mit den ihnen zu dem Zeitpunkt zur Verfügung stehenden Mitteln dient diese Ablehnung dem notwendigen Selbstschutz.

Der Ablehnende

Dieser Typ reagiert auf die Existenz der Erkenntnis mit Ablehnung. Diese Ablehnung bezieht sich auf die Rohkost an sich, kann aber sich aber unter Umständen auch auch auf den Rohköstler als denjenigen, der sie ins Bewusstsein des Ablehnenden rückt, ausweiten.

Er spürt vielleicht unbewusst, was für eine gute Sache die Rohkost ist und dass sie auch für viele seiner Probleme eine Lösung bieten würde. Für eine solche Umstellung ist er jedoch innerlich (noch) nicht bereit. Um nicht unter den Druck zu geraten, sein eigenes Leben ändern oder mit o.g. Diskrepanz leben zu müssen, attackiert er lieber die potenzielle Bedrohung seiner Lebensweise und denjenigen, der sie vorlebt. Ähnlich wie der erboste König den Überbringer einer schlechten Nachricht köpfen lässt, weil er sich über die Nachricht selber ärgert.

Daraus können dann manche für einen Rohköstler unangenehme Verhaltensweisen entstehen. Man versucht, ihn in die Enge zu treiben, Widersprüche in seinen Aussagen aufzudecken und endlose Diskussionen über das Thema zu führen, in denen man ihn am allerliebsten von seinem Irrtum überzeugen würde. Im Extremfall sah sich gar mancher auch schon direkten, heftigen Anfeindungen ausgesetzt.

Das kann jemanden, der darauf nicht gefasst ist, ziemlich mitnehmen. Neben der Beachtung der o.g. Grundlagentipps ist es in solchen Fällen sinnvoll, die jeweils angebracht erscheinenden Methoden aus dem Kapitel Gesprächstaktiken anzuwenden, um eventuelle Eskalationen zu verhindern. Den anderen von der Richtigkeit unserer Ansichten überzeugen zu wollen, ist hier gänzlich aussichtslos. Unser Gegenüber hat Angst vor dem, was wir zu sagen haben. Und wer Angst hat, wird sich immer mit Zähnen und Klauen gegen das, von dem er sich bedroht sieht, zu verteidigen suchen.

Diese Reaktionsweise ist nichts Schlechtes. Sie ist menschlich und verständlich. Wenn wir uns alle eingehend und ehrlich beobachten, werden die meisten von uns feststellen, dass wir in der einen oder anderen Situation genauso handeln.

Der Tolerante

Die Ablehnung der Rohkostidee muss nicht unbedingt in Bekämpfung enden. Manch Ablehnender definiert sie für sich einfach als unrichtig und damit hat es sich für ihn erledigt. Er lässt den Rohköstler einfach machen und denkt sich seinen Teil. Das zeugt von einem wirklich großen Maß an Toleranz und (positivem) Selbstbewusstsein. Wir machen es demjenigen leichter, wenn wir im Gespräch mit ihm die Grundlagentipps beherzigen. Irgendwelche Gesprächstaktiken sind hier überflüssig. Bei Intoleranz unsererseits jedoch werden wir in den meisten Fällen auch Intoleranz und Ablehnung ernten.

Ebenfalls sehr tolerant reagieren in der Regel diejenigen, die Rohkost im Prinzip für eine tolle Sache halten, sich aber bewusst sind, dass es nichts für sie ist. Wie auch bei der anderen Variante des Toleranten, wird sich das Gespräch meist nicht sehr lange um Ernährung drehen. Und wenn doch, verläuft es in der Regel in entspannter Atmosphäre - solange der Rohköstler keine Missionierungsversuche startet.

Der wirklich Interessierte

Für einige Menschen ist der Zeitpunkt ideal, sich mit der Rohkost ernsthaft auseinander zu setzen. Sie scheinen regelrecht darauf gewartet zu haben, die entsprechenden Anregung zu bekommen. Man erkennt sie gut an der Art ihrer Fragen. Während die Fragen des Ablehnenden darauf abzielen, der Rohkostidee Fehler nachzuweisen, sind die Fragen des wirklich Interessierten positiv ausgerichtet. Er will wissen, was dafür spricht, nicht was man dagegen sagen könnte. Er möchte unsere Erfahrungsberichte hören und Tipps zur Durchführung bekommen. Oftmals wird er auch nach Hilfestellung für seine spezielle (Krankheits-)Situation fragen. Als einziger wird er sich nach Literaturempfehlungen und Internetadressen erkundigen.

In einem solchen Fall kann und sollte man sich ruhig auf ein intensives Gespräch einlassen. Es wird bestimmt angenehm verlaufen. Und vielleicht kann man einem Menschen ja für ihn nützliche Anregungen geben.

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Gesprächstaktiken

Die hier aufgeführten Taktiken dienen in der Regel dazu, Gespräche über die Ernährung und daraus evtl. resultierende Konfrontationen zu vermeiden. Wenn ihr jedoch mit jedem gerne über eure Ernährung redet, dann werden etliche dieser Tipps nicht so interessant für euch sein. Wir haben irgendwann angefangen, solche Taktiken anzuwenden, weil es nach einiger Zeit einfach zu nervig wurde, ständig die gleichen Fragen über Ernährung beantworten zu sollen und dabei meistens genau zu wissen, dass die Diskussion ohnehin zu nichts führt. (s. dazu "3 Typen von Menschen")

Kurz die Ernährungsweise erklären

Rohkost ist in der westlichen Welt recht ungewöhnlich und daher auch auffällig. Sofern wir uns nicht ständig in den eigenen vier Wänden verkriechen, wird die Umwelt es irgendwann mitbekommen. Verwunderte Fragen sind dann an der Tagesordnung. Am besten ist es, bei Nachfragen die Ernährungsweise und bei Bedarf die Gründe dafür knapp und präzise zu erläutern. Man ist schnell geneigt, auch vieles, was eigentlich gar nicht gefragt war, genau zu erklären. Oft endet das dann in Detailfragen, die einen ziemlich nerven und manchmal auch verwirren.

Fangen wir gar nicht erst damit an. Geben wir nur Antwort auf die Fragen. Mehr nicht. Dann haben wir eher wieder unsere Ruhe, als wenn wir beginnen, uns in langen Ausschweifungen zu verheddern. Gerade als Anfänger kommt man sonst nämlich leicht an den Punkt, an dem man nicht weiter weiß und sich komisch und unbehaglich vorkommt.

Freundlich ein Gespräch ablehnen

Wird unser Gegenüber zu penetrant oder haben wir schlicht und ergreifend keine Lust, über unsere Ernährung zu reden, sind wir nicht verpflichtet, das Gespräch fortzusetzen bzw. uns darauf einzulassen. Ein Gespräch kann man einfach ablehnen. Vorausgesetzt man bleibt dabei höflich und freundlich, ist das meist auch keine Problem. Sätze wie: "Ich kann Ihr Interesse gut verstehen. Im Moment ist mir jedoch wirklich nicht danach, über meine Ernährung zu reden" oder "Ich bitte Sie um Ihr Verständnis, dass ich gerne in Ruhe zu Ende essen würde. Vielleicht können wir unser Gespräch ja später fortsetzen" sind dafür recht gut geeignet. Die Irritation über die Ablehnung geht beim Gegenüber meist schnell vorbei.

Über sich selber lachen

Humor nimmt schnell die Spannung aus schwierigen Situationen oder lässt erst gar keine aufkommen. Er ist auch ein gutes Mittel, um unerwünschte Diskussionen, die uns jemand aufzudrücken versucht, im Keim zu ersticken. Am wirkungsvollsten ist es, über sich selber zu lachen. Neben der allgemeinen Wirkung des Humors signalisiert er auch unserem Gesprächspartner, dass wir uns nicht so wahnsinnig ernst nehmen. Unser Gegenüber erhält so die Chance, sich selber auch ein wenig lockerer zu sehen. Wenn die anderen merken, dass sie uns nicht aus der Reserve locken können, wird häufig recht schnell das Thema gewechselt.

Anstatt also auf die Frage, wo man denn sein Eisen her bekomme, zu erklären, in welchen Nahrungsmitteln Eisen enthalten sei, wie gut verfügbar es darin sei etc., erwidern wir einfach grinsend: "Och, zwei, dreimal die Woche an 'nem Gefängnisgitter geleckt reicht schon aus." Oder wenn jemand besorgt wissen will, wie man denn seine Kinder ernähren wird, wenn man mal welche hat: "Die werden auf die Wies' gesetzt, kriegen 'ne Karotte in die Hand und gut is. Und wenn sie dann lange, spitze Hasenohren bekommen, melden wir sie für die nächste Raumschiff Enterprise-Staffel als Vulkanier an." Für verrückt wird man als Rohköstler von vielen Menschen ohnehin gehalten. Es spielt dabei keine Rolle, ob man genau erklärt, was man macht oder ob man Gespräche mit Humor abwürgt.

Thema wechseln

Eine weitere Möglichkeit ist es, geschickt das Thema zu wechseln. Man beantwortet eine Frage und leitet während der Beantwortung geschickt auf ein anderes Thema über. "Zu dem Thema eisenhaltige Nahrungsmittel habe ich letztens zufällig einen Bericht gesehen. In der Sendung haben die übrigens auch über die geplante Steuerreform berichtet. Findest du das auch so ein kolossale Unverschämtheit, wie immer die Kleinen weiter geschröpft werden sollen?" Häufig steigt der Gesprächspartner darauf ein, vor allem, wenn man ihn durch eine Frage zum sprechen auffordert.

Deutlich werden

Es gibt Leute, die bestehen einfach so hartnäckig auf einer Diskussion, dass sämtlich Versuche, sie sich vom Leibe zu halten, fehlschlagen. Wenn das zu nervig wird, kann unter Umständen nur noch eines helfen: Übertrieben krass und deutlich werden, dem Gegenüber also regelrecht verbal den Mund zu stopfen. Je nach Charakter und Befindlichkeit des anderen fallen die Reaktionen sehr unterschiedlich aus. Manche entschuldigen sich, sie haben einem nicht zu nahe treten wollen. Manche sind jedoch für den Rest ihres Lebens tödlich beleidigt. Man sollte sich also gut überlegen, bei wem man so reagiert.

Um die Gefahr des Beleidigt-Seins zu mindern, ist es ratsam, niemals persönlich zu werden oder gar anzugreifen. Will man sich trotzdem direkt auf den anderen beziehen, kann man es ungefähr so anstellen: "Du, ich finde es echt Klasse, dass du mit deiner Ernährung so gut klar kommst und so rundum gesund bist. Dieses Glück habe ich leider nicht. Wenn ich so esse, habe ich öfter mal Kopfschmerzen, bin nach dem Mittagessen immer so müde, habe manchmal Sodbrennen und bin ab und zu erkältet. Außerdem melden sich dann meine Allergien und diverse Hautausschläge wieder. Deshalb bleibe ich lieber bei der Rohkost. Freut mich für dich, dass das bei dir nicht nötig ist." Damit erwischt man fast jeden.

Manchmal ist man auch so genervt, dass man gerne ein paar Schläge austeilen würde. Das ist völlig legitim. Auch Rohköstler sind nur Menschen. Gleichzeitig ein nervendes Gespräch beenden und seinen Brast ablassen kann man z.B. ungefähr so: "Solange Menschen Leichenteile von gequälten, hormonbehandelten Tieren, Fische aus quecksilbervergifteten Meeren oder antibiotikaverseuchten Zuchtteichen, vergammelte Milch mit Geschmacks-, Farb- und Konservierungsstoffen oder Pampe aus chemiegetränktem Getreide, die so stark im Ofen erhitzt wird, bis auch mit Sicherheit das letzte Vitaminchen kaputt ist, essen, solange sehe ich nicht ein, was an meiner Ernährungsweise schädlicher sein soll."
Nach so einem Satz wird man sicher in Ruhe gelassen. Von manchen Menschen jedoch für immer. Daher nochmals die Warnung: Bevor man zu solchen (sehr effektiven) Mitteln greift, sollte man sich sicher sein, ob man die eventuellen Konsequenzen tragen will.

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Wenn ein lieber Mensch "unheilbar krank" ist

Viele Rohköstler stehen irgendwann vor der Situation, dass ein Mensch, der ihm sehr nahe steht, die Diagnose einer angeblich tödlichen, unheilbaren Krankheit bekommt. Sie sehen, wie er leidet, wie er sich von den Ärzten immer weiter kaputt machen lässt und wissen, dass er eine Chance hätte, diesem Schicksal zu entgehen. Sie wollen helfen, wollen diesem Menschen ihre Kenntnisse weitergeben, wollen sich nicht damit abfinden, dass dieser Mensch zunächst leiden und dann sterben wird. Sie erzählen dem Kranken, er könne sich vermutlich durch Rohkost heilen, schenken ihm Bücher, geben ihm Ausdrucke von Webseiten, die sich mit der entsprechenden Krankheit und Rohkost beschäftigen, suchen Adressen heraus - und stehen fassungslos davor, wenn der Kranke trotzdem weitermacht wie bisher.

Das tut weh. Aber wir können nichts tun, solange der Betroffene nicht selber sein Schicksal ändern will. Jeder Mensch hat einen freien Willen, mit dem er ganz alleine über sein Leben bestimmt. Aussenstehende verstehen in der Regel nicht die Hintergründe der Entscheidungen, die andere für ihr Leben treffen. Meist laufen tief sitzende, unbewusste Prozesse im Inneren eines Menschen ab, so dass er sich über die wahren Hintergründe seiner Entscheidungen oft selber nicht im Klaren ist. Es kann unendlich viele Gründe geben, sich für Leid und Tod zu entscheiden. Vielleicht ist Krankheit die einzige Möglichkeit für jemanden gewesen, Aufmerksamkeit und Fürsorge zu bekommen. Vielleicht fühlt sich jemand von den Lasten und Verantwortungen in seinem Leben erdrückt und traut sich nicht, sich auf anderem Wege von ihnen zu befreien. Vielleicht hat jemand das Leben immer nur als Kampf, Leid, Schmerz und Unterdrückung empfunden und will es daher auf keinen Fall verlängern, weil er sich nicht vorstellen kann, dass das Leben auch schön sein kann. Vielleicht treffen viele unbewusste Gründe zusammen. Nur selten wird es uns oder dem Betroffenen gelingen, diese unbewussten Gründe zu erkennen. Und selbst wenn dies geschieht, sind diese lebenslangen Muster meistens so tief eingebrannt, dass demjenigen die Kraft und/oder der Wille fehlt, eine Veränderung in seinem Leben zuzulassen. Wenn wir versuchen, gegen den (unbewussten) Willen des Kranken, ihn zu "retten", werden wir uns aufreiben, denjenigen unter Druck setzen, ihm den Rest seines Lebens noch schwerer machen und im Endeffekt für ihn und uns nur Frustration hervorrufen. Der Kranke wird uns aber nicht den Gefallen tun, für uns weiterzuleben.

Was wir tun können ist: unsere Hilfe anbieten. Eine Variante wäre, demjenigen davon zu erzählen, dass wir Menschen kennen, die sich durch eine Umstellung der Ernährungs-/Lebensweise von der gleichen Krankheit geheilt haben. Ist der Kranke wirklich in seinem Inneren an Heilung interessiert, wird er nach haken. Ist er es nicht, wird er nicht darauf eingehen. Dann hat es keinen Sinn, weiter davon zu reden. Eine weitere Variante ist in erster Linie für Kranke geeignet, denen die Ärzte bereits gesagt haben, dass sie nur noch Symptome lindern aber keine Heilung bringen können. Man kann den Kranken kurz über eine Ernährungsumstellung informieren, ihm begleitende Unterstützung anbieten und fragen, ob er es auf diese Weise versuchen möchte. Leider ist diese Methode ziemlich unzuverlässig. Viele Menschen sind nämlich nicht in der Lage, Ablehnungen auszusprechen, denken, man würde es ja von ihnen erwarten, jede Möglichkeit auszuschöpfen oder nehmen das Angebot aus irgendwelchen anderen Gründen an, obwohl ihr Inneres gar nicht bereit dazu ist. Manche schaffen es dann sogar unter großen Mühen, sich auf Rohkost umzustellen, kehren dann aber trotz enormer Heilungserfolge wieder zu der alten Lebensweise und den damit verbundenen Konsequenzen zurück. Deshalb ist die erste Variante zuverlässiger.

Falls ein Kranker sich wirklich dafür entscheidet, seine Lebensweise umzustellen, sollten wir ihm jede erdenkliche Unterstützung zuteil werden lassen. Am besten ist es, wir suchen ihm Adressen heraus von Ärzten und Kliniken, wo er sich unter sachkundiger Anleitung umstellen, evtl. auch fasten kann. Auf keinen Fall sollten wir es auf uns nehmen, denjenigen alleinig zu betreuen. Damit können wir schnell überfordert sein. Seien wir einfach begleitend mit Zuspruch, Tipps und einem offenen Ohr für ihn da. Aber ganz ehrlich: Diese Fälle sind sehr selten.

Die meisten Kranken wollen wie oben schon besprochen unbewusst ihre Krankheit behalten. Wenn wir ihnen wirklich etwas Gutes tun möchten, geben wir ihnen die Hilfe, die sie von uns haben wollen. Vielleicht gibt es ihnen tiefe innere Befriedigung, über ihr Schicksal zu jammern und über ihre Krankheit zu reden. Hören wir ihnen zu. Vielleicht brauchen sie Betreuung. Suchen wir ihnen einen angenehmen Ort, an dem sie die nötige Betreuung erhalten. Vielleicht möchten sie, dass wir ihnen ihre Medikamente besorgen. Gehen wir für sie in die Apotheke. Egal, ob wir diese Wünsche und Bedürfnisse als sinnvoll erachten oder nicht. Es ist ihr Wille, respektieren wir ihn. Tun wir dies nicht, stellen wir uns über ihn. "Ich weiß besser, was für dich gut ist" ist eine Einstellung, die niemand entgegengebracht haben möchte. Man fühlt sich dann erniedrigt und entmündigt. Wenn wir doch ohnehin wissen, dass es nichts bringt - warum sollen wir dem Kranken das Leben noch schwerer machen?

Zeigen wir dem geliebten Menschen, dass wir ihn wirklich lieben, unabhängig davon, ob er tut, was wir für richtig halten oder nicht. Denn das ist es, was der leidende Mensch in dem Moment am nötigsten braucht: unsere wahre Liebe.


Der eine oder andere Leser mag nun denken, das sei so einfach geschrieben, aber die haben ja keine Ahnung von der Realität. Dazu möchten wir sagen: Doch, die haben wir. Dieser Abschnitt ist aufgrund von bitterer Erfahrung aus dem eigenen, engsten Familienkreis entstanden. Und zahlreiche liebe Menschen aus unserem Bekanntenkreis haben von ähnlichen Erfahrungen berichtet.

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Essen in Gesellschaft

Es kaum möglich, in Gegenwart von Nicht-Rohköstlern Rohkost zu essen und nicht doch irgendwie darauf angesprochen zu werden. Wie man damit umgehen kann, wurde bereits in den ersten Teilen dieses Aufsatzes besprochen. Im Folgenden geht es nun um die praktische Durchführung des Essens in Gesellschaft.

Einladungen und Feste

Die Versorgung auf Einladungen und Festen ist absolut simpel: Man nimmt sich einfach mit, was man dort essen möchte. Da um einen herum wahrscheinlich geschlemmt wird, was das Zeug hält, bringt man sich am besten etwas mehr mit, als man normalerweise essen würde und wählt Dinge aus, die man im Moment ganz, ganz besonders gerne isst. So braucht man während der Feier auf den Genuss durch Essen nicht zu verzichten und hält den Versuchungen mit vollem Magen und befriedigtem Geschmackssinn leichter Stand. Auch die Geselligkeit, die beim gemeinsamen Essen entsteht, bleibt erhalten. Man isst ja gemeinsam. Warum müssen denn alle unbedingt das gleiche essen? Die Umwelt hat damit übrigens oft mehr Probleme als der Rohköstler selber. Komischerweise, denn im Restaurant ist es ganz normal, dass jeder etwas anderes bestellt und das ist für alle vollkommen in Ordnung.

Einige Gastgeber wollen einem gerne etwas Gutes tun und extra Rohkost bereitstellen. Auch wenn sie sich sogar vorher erkundigen, was sie denn besorgen sollen, sollte man sich niemals darauf einlassen. Wir haben es immer wieder probiert und es ging jedes mal schief. Man kann noch so genau bestellen, was man haben will - es klappt einfach nicht. Dahinter steckt kein böser Wille. Die Gastgeber haben einfach nur andere Vorstellungen von den Worten, die wir benutzen. Man bittet um ganz, ganz weiche, reife Avocados und sitzt dann vor harten, ungenießbaren Teilen. Für den Gastgeber sind sie aber wirklich weich. Man kann auch eingehend beschreiben, wie reife Bananen aussehen. Trotzdem haben die Leute solch eine Angst vor vergammeltem Obst, dass sie sich nie trauen würden, uns reife Bananen vor zusetzen. Sie kaufen halt die, die am wenigsten grün sind. Vielen kommt es auch komisch, extra für uns in einen Bioladen zu gehen. Für die Gastgeber ist es mehr Stress, ein wenig echte, genießbare Rohkost zu besorgen, als 20 andere Gäste auf herkömmliche Weise zu verköstigen. Der Rohkostgast sitzt dann meist vor gut gemeinten Dingen, die er (meist aufgrund des Reifegrades) überhaupt nicht essen kann oder mag. Das frustriert nicht nur ihn sondern wiederum auch den Gastgeber, der das einfach nicht verstehen kann. Er selber hat wahrscheinlich keinerlei Probleme mit unreifem Obst. Selbstversorgung erspart Frust auf beiden Seiten und versorgt uns sicher mit dem, was wir auch wirklich essen möchten.

Es gibt auch Situationen, in denen man partout nicht auffallen möchte. Vielleicht hat man gerade kein besonders dickes Fell oder es handelt sich um einen hoch offiziellen Anlass bei wichtigen Kunden o.ä. Dann sollte man auf Selbstversorgung lieber verzichten, denn damit bleibt man eigentlich nie unbehelligt. Wenn man sicher weiß, dass es ein von einem Catering-Service geliefertes Buffet geben wird, kann man davon ausgehen, viel rohe Dekoration auf den Platten vorzufinden. Man lädt sich einfach damit den Teller voll und nimmt halt in Kauf, an diesem Abend einmal konventionell angebautes Gemüse zu essen. Um ganz sicher in der Masse zu verschwinden, kann man als Tarnung noch ein wenig erhitzte Dinge mit auf den Teller legen, die man dann stillschweigend einfach drauf lässt. Reste auf Tellern sind ganz normal. Und wenn man doch einmal eine kleine Ausnahme macht und den einen oder anderen erhitzten Bissen zu sich nimmt - was soll's, daran stirbt man nicht gleich. Es ist lediglich ratsam, dies wohl dosiert zu tun und nicht in einen Fressrausch zu verfallen. Das dient weder der Gesundheit noch der Unauffälligkeit.

Eine andere Methode wäre, sich vorher zu Hause ausreichend zu sättigen. Während der Festlichkeit isst man dann einfach gar nichts. Das fällt weniger auf, wenn man immer ein Glas Wasser in der Hand hält, von dem man ab und zu ein wenig nippt. Und falls doch jemand fragen sollte, warum man nichts esse, gibt es jede Menge Ausreden, die alle ohne Nachhaken akzeptiert werden, z.B. "Ich bin noch vom Mittag so satt", "Oh, ich bin schon fertig", "Mein Magen ist ein wenig verstimmt", "Ich mache gerade eine Kur" o.ä.

Gäste einladen

Als Rohköstler Gäste zu sich einzuladen und zu bewirten ist einfach und macht Spaß. Mit Obst und Gemüse, das im Ganzen oder nur aufgeschnitten auf dem Tisch liegt, können die meisten Nicht-Rohköstler allerdings nicht viel anfangen. Sie sind an zubereitetes Essen gewöhnt. Also tun wir ihnen doch den Gefallen. Wenn es ein Abend mit insgesamt höchstens 6 Personen wird, kann man ganz "normal" zum Essen einladen und ein Rohkostgericht mit Vorsuppe und Dessert auftischen. Für kleine und große Gesellschaften eignen sich Büffets mit rohen Gerichten und Salaten. Wie wäre es vielleicht auch mit einer Rohkosttorte, vor allem, wenn es sich um eine Geburtstagsfeier handelt. Bisher ist bei uns noch jeder auf diese Weise pappsatt geworden. Um Gäste, die zum ersten mal mit einem Rohkostbüffet konfrontiert werden, zu beruhigen, kann man etwas Baguette und Kräuterbutter besorgen.

Mit Logiergästen, die über mehrere Tage bleiben, spricht man am besten vorher genau ab, wie es laufen soll. Wer essen will wie gewohnt, kann sich die Verpflegung selber mitbringen. Oder derjenige soll vorher haargenau auflisten, was er haben möchte, damit man es besorgen kann. Die genaue Auflistung ist wichtig. Meistens denken die Leute nicht daran, dass in einem Rohkosthaushalt so etwas wie Margarine, Kaffee oder Marmelade nicht existiert. Und der Rohköstler denkt nicht unbedingt daran, dass solche Dinge benötigt werden könnten. Weist die Gäste bei der Besprechung explizit darauf hin. Man kann auch bei Ankunft des Gastes einen gemeinsamen Ausflug in den Supermarkt machen. Dort kann er sich dann aussuchen, was er benötigt.

Interessierte Gäste haben auch schon gesagt, sie möchten mit uns gemeinsam unser Essen essen, um es mal kennen zu lernen. Das macht dann richtig Spaß. Zu Hause wird dann Rohkost gegnurpselt und außerhalb holt der Gast sich dann meist noch irgendetwas anderes als Ausgleich. Von null auf hundert wäre für die meisten etwas zu heftig. Wir haben uns in solchen Fälle immer die Mühe gemacht, mit dem Gast leckere Rohkostgerichte zuzubereiten. Wo hat er sonst die Chance zu erleben, dass das Vorurteil, Rohkost sei langweilig und man kann aller höchstens noch einen Salat daraus machen, ganz falsch ist?

Wir fanden es immer wichtig, unseren Gästen die Wahl der Ernährung selber zu überlassen. Immerhin möchten wir in einem Kochkosthaushalt ja auch nicht, dass jemand versucht, uns zu Schweinshaxe mit Sauerkraut zu überreden. Wenn jeder jeden in seiner Lebensweise toleriert, ist ein angenehmes Miteinander möglich.

Essen im Restaurant

Auch ein Rohköstler kann in ein Restaurant gehen. Alleine tun wir das nie, weil zu Hause niemand raucht und wir dort das bekommen, was wir wollen. In Gesellschaft kommt es aus privaten oder geschäftlichen Anlässen schon mal vor.
Außer in asiatischen Restaurants werden so gut wir überall frische Salate angeboten. Wer nicht gar so konsequent sein möchte, bestellt sich einfach einen davon - und genießt. Insbesondere, wenn man sich aus geschäftlichen Gründen im Restaurant befindet, möchte man manchmal kein Aufsehen erregen. Man kann dann einen Salat von der Speisekarte bestellen, der augenscheinlich am wenigsten unerwünschte Zutaten enthält. Bei der Bestellung besteht man darauf, dass kein Dressing darüber gegeben wird sondern Essig und Öl extra serviert werden. Während der angeregten Unterhaltung "vergisst" man dann, Essig und Öl zu nehmen. Unerwünschte Bestandteile des Salates werden liegen gelassen. Reste sind im Restaurant nichts außergewöhnliches.

Wenn man aus privaten Gründen ins Restaurant geht oder keine Bedenken hat, bei Geschäftsessen als Rohköstler geoutet zu werden, gibt es einen sicheren Weg, zu bekommen, was man haben möchte: Wenn der Kellner die Getränke aufnimmt, bittet man darum, kurz mit dem Koch sprechen zu dürfen. In den meisten Fällen wird der Kellner einen, evtl. nach Rückfrage, zur Küche führen. Dort fragt man nach, was genau an frischen Dingen vorrätig ist und wählt aus, wie viel man wovon haben möchte. Häufig macht es den Köchen sogar Spaß, einmal etwas ungewöhnliches kreieren zu dürfen und nicht nur die Gerichte von der Speisekarte zuzubereiten. Je besser das Restaurant, desto leichter bekommt man einen guten Gemüse-Salate-Früchte-Teller.
Empfindet man es als zu aufwändig, extra in die Küche zu gehen, beschreibt man dem Kellner haargenau, was man haben möchte. Dabei vermeidet man das Wort "Salat" zur Beschreibung des ganzen Gerichtes. Wenn Kellner und Küchenpersonal dieses Schlüsselwort hören, verbinden sie damit automatisch bestimmte Dinge, wie "ohne Dressing geht das doch nicht". Oder der Koch will einem etwas Gutes tun und gibt z.B. etwas Mais aus der Dose dazu, wenn man schon kein Dressing und keinen Käse haben möchte. Deshalb redet man bei der Bestellung am besten von einem Gemüseteller und führt genau auf, was man darauf haben möchte. Und man besteht mehrfach darauf, dass alle Zutaten roh, unerhitzt, nicht eingelegt und ungewürzt sein sollen. Die Chancen, essbare Dinge auf dem Teller vorzufinden, sind auf diese Weise größer, als einen Salat zu bestellen, der ohne Dressing und diverse Zutaten sein soll.

Weiß man einige Tage im voraus, dass man in einem bestimmten Restaurant essen wird, kann man vorher telefonisch eine genaue Bestellung aufgeben. Wenn die Küche Bescheid weiß und ein paar Tage Vorlauf hat, ist das Ergebnis oft recht gut. Aber es klappt leider nicht immer. Wir haben z.B. in dem Restaurant, in das wir mit den Trauzeugen nach unserer standesamtlichen Trauung gegangen sind, eine Woche vorher mit dem Besitzer gesprochen und ihm sogar einen Zettel mit genauen Anweisungen gegeben. Was dann auf den Tisch kam war, naja, sagen wir, ziemlich anders als das, was wir bestellt hatten. Im Endeffekt hat der Koch für uns nochmal etwas Neues zubereiten müssen, nachdem wir ihm in der Küche genau gezeigt haben, was okay ist.

Ist man in einer großen Gruppe unterwegs, in der die anderen alle in dem Restaurant eine Mahlzeit bestellen werden, gibt es noch eine weitere Möglichkeit: Man versorgt sich selbst. Sobald der Kellner kommt, bestellt man ein Wasser und sagt ihm, dass man sich aus gesundheitlichen Gründen leider selbst versorgen muss, weil kleinste Mengen unverträglicher Stoffe heftige Allergieschübe auslösen können. In der Regel trifft man damit auf viel Verständnis und bekommt sogar noch einen leeren Teller für sein Essen.

Versorgung während der Arbeit

Sich auf der Arbeit zu versorgen ist ganz einfach. Man nimmt sich seinen Proviant für den Tag mit. Wir haben unsere Tagesration schon immer am Vortag ausgesucht und so beiseite gelegt, dass man sie morgens nur noch schnell einzupacken brauchte. Das geht nicht nur mit ganzen Früchten und Gemüsen. Man kann sich auch Salate am Vortag schnippeln und in einem verschlossenen Gefäß in den Kühlschrank stellen. Tomatenstücke und Dressing sollten erst direkt vor dem Verzehr hinzugefügt werden, da der Rest des Salates sonst matschig werden oder schneller verderben kann. Wildkräuter muss man sich am Vortag oder morgens vor der Arbeit pflücken. In einem festen Gefäß oder in einer Plastiktüte, die obenauf in die Tasche gelegt wird, halten sie sich gut. Sie sind dann zwar nicht mehr so gehaltvoll wie frisch gesammelt, aber es ist besser als gar nichts. Wenn man nicht allein essen möchte, setzt man sich mit seinem Rohkostmittagessen einfach zu den Kollegen dazu. Wir haben unsere Kollegen auch oft in die Kantine begleitet und dort unsere Salatschüssel ausgepackt. Die Leute gewöhnen sich schnell daran, dass da immer jemand seinen Salat und Löwenzahn mümmelt.

Auch auf kleine Zwischenmahlzeiten braucht man nicht zu verzichten. Hat man sich früher bei der Arbeit zwischendurch ein paar Kekse, einen Schokoriegel, ein Brötchen oder ein Kaffeestückchen gegönnt, ersetzt man dies einfach durch einen Apfel, eine Banane oder im voraus in Stückchen geschnittenes Gemüse oder Orangen. Für schmieriges Essen benutzt man ein Gabel.

Bei längeren Meetings im eigenen Haus kann man im Vorfeld dafür sorgen, dass ein Obstteller auf dem Tisch steht, in dessen Nähe man sich platziert. Geht man zu Kunden und Geschäftspartnern, die einen noch nicht so gut kennen, isst man sich besser vorher satt und beschränkt sich auf ein Glas Wasser. Ist man selber in der geschäftlich günstigeren Position, z.B. als wichtiger Kunde oder kennt man seine Geschäftspartner bereits intensiver, ist es kein Problem, vor dem Meeting um entsprechende Versorgung zu bitten oder sich selber etwas für die Verhandlungspause mitzubringen. Für Geschäftsessen in Restaurants siehe "Essen im Restaurant".

Schließlich wäre noch eine Situation anzusprechen, in die man auf der Arbeit häufiger gerät, wenn man dort neu anfängt oder Geburtstag hat: Es wird erwartet, dass man etwas zu essen ausgibt. Man kann sich natürlich verweigern. Im Sinne eines guten Betriebsklimas und der Akzeptanz der eigenen Person ist dies, gerade wenn man neu in der Firma ist, jedoch nicht. Es stellt sich jedoch die Frage: Was gibt man aus?

Nur Obst, wie bereits weiter oben angesprochen, kommt nicht gut an. Das ist für die meisten total unbefriedigend. Mit Gemüse, einfach nur angeschnitten und hübsch drappiert, kann die Mehrheit auch nichts anfangen.

2 Varianten haben sich als gut herausgestellt:

Die erste wäre: Ein Buffet mit verschiedenen (kostengünstigen, sättigenden) Salaten und Rohkostgerichten wie gefüllte Tomaten oder Sushi. Besonders gut kamen unserer Erfahrung nach Gerichte wie Sonnenblumenkerne indisch, Carottes râpées und Sushi an. (Zu den Rezepten). Dazu am besten immer noch ein frischer Salat mit Gemüsefrüchten und leichtem Dressing. Vielleicht auch noch ein Keimlingsalat o.ä. Zum Knabbern hinterher eine frisch geöffnete Kokosnuss in kleine Stückchen geschnitten und ein Teller Trockenfrüchte. Wenn man ganz viel Muße hat, vielleicht etwas Rohkostkonfekt. Für diejenigen, die fürchten nicht satt zu werden, reichen etwas Baguette und Kräuterbutter. Stellt auf jeden Fall Salz und Pfeffer zum individuellen Nachwürzen dazu - viele haben so stumpfe Geschmacksnerven, dass sie schon starke Gaumenkitzel brauchen.
Solch ein Buffet macht ziemlich viel Arbeit, hat bisher aber noch immer selbst bei den "eingefleischtesten Normalessern" echte Begeisterungsstürme ausgelöst.

Man sollte sich bei allem, also auch bei solchen Aktionen, immer überlegen: Was ist mein Ziel? In einem solchen Fall ist es in der Regel das Ziel, ein gutes Klima zu den (zukünftigen) Kollegen zu schaffen. Das erreicht man so auf jeden Fall, denn die Leute werden satt, es schmeckt ihnen und man isst das gleiche wie sie. Sie assoziieren deshalb mit dem Rohköstler und seiner "Ernährungsmacke" positive Gefühle und sehen einen durch das gemeinsame Essen auch nicht als Ausgegrenzten an. Außerdem hat man die Kollegen an seiner "Macke" teilhaben lassen. Es ist nun nichts mehr völlig unbekanntes für sie und sie haben am eigenen Leib erlebt, dass man damit nicht Hunger leiden oder auf guten Geschmack verzichten muss. Auch wenn man ansonsten nur an seiner Karotte knabbert oder seinen Löwenzahn mümmelt, werden sie in der Regel recht gut reagieren.

Ist es einem zu aufwendig, ein Buffet zu kreieren, kommt Variante 2 ins Spiel. Wir empfehlen, den Kollegen das zu geben, was sie gerne haben möchten. Sonst ist die Chance auf beiderseitigen Frust recht groß. Erkundigt euch, was zu solchen Anlässen üblich ist und besorgt es. Ihr müsst ja nicht mit essen.

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